MARIA STUART
Kopf oder Krone



Impressionen vom Regiepult

 

Maria Stuart? Von Schiller? - Ja, genau. Das wollen wir aufführen!

Und ihr habt es aufgeführt – nein, ihr habt es vorgeführt – nein, ihr habt es mit Kreativität, Klugheit, Spielwitz und großer individueller Eigenleistung ausgefüllt!


Zugegeben, dass ihr dazu in der Lage seid, habt ihr im letzten Jahr gezeigt: Amüsant, unterhaltsam, ernst und kritisch beleuchtend – Galileo…
Das war mittlerweile aber „Schnee von gestern“ – weit weg! – Konnte so etwas noch einmal gelingen? Wir alle waren vorsichtig…

Am Montag, den 8.1.2018, war es soweit: Wir durften (der Kirchengemeinde sei DANK) wieder in „unsere“ St. Nicolai. Der Klassenraum war zum Kirchenraum geworden. Ehrfürchtig überkam wohl jeden das Gefühl von: Oh, wie soll das bloß werden? Wir haben nur 4 Wochen Zeit!!!
Keiner kannte seinen Text – keiner hatte eine Vorstellung von irgendetwas: „Wo komm´ ich her, Frau Berger? – Wo muss ich hin? – Wie sollen wir das machen?“ Fragen über Fragen – langsames Herantasten an den Raum – die Wege – die Betonung von Text…und Licht: „Fiete, bitte rotes Licht!“ – „Fiiiiete – Thies!!! Liiicht – hiiierher!“ Und Fiete strahlte alles an – wie er das machte? Geheimnis – Thies verstand ihn jedenfalls auch im Dunkeln – und das war die Hauptsache. Notizen im Skript? Fehlanzeige – Hauptsache der Künstler selbst kann´s entziffern…

Langsam nahm das riesige Schiff
„Maria Stuart“ Fahrt auf – gaaanz langsam…
Die Werbeplakate wurden von euch selbst entworfen – Probedrucke – die ersten Radiointerviews mussten nach den Proben eingesprochen werden – Reporter und Fotografen in der Kirche – die Spannung stieg…
Mit großer Disziplin seid ihr für (fast) jede Einzelstunde in die Kirche völlig selbstverständlich herunter geradelt / -gefahren – um dort die Podeste zu schleppen und Wege zu lernen – Interpretation zu diskutieren -
„Lauter!!! – Schneller!!!“, schallte es dann ein ums andere Mal durch die leere Kirche – ich hoffe, ihr verzeiht mir… Denn der große Raum wurde jetzt nur mit eurer eigenen Stimme gefüllt – nix Verstärker / nix Mischpult – Artikulation und Stimme waren gefragt, das konnte man lernen, auch wenn Dodo (Leicester) anfangs haderte: „Ich hab´ das Gefühl, ich schrei´ den Leuten hier vorne nur noch in die Ohren!“

Wir hatten es diesmal mit großem Textvolumen zu tun, das ihr phasenweise ganz bewusst in alter Sprache haben wolltet: „Nee, Fr. Berger – die ist so cool, besser geht nicht – das lassen wir so!“ Okay, es ist beeindruckend zu erleben, wie ihr mittlerweile ein tiefes Gespür für Sprachkraft entwickelt habt - und diese auch bewusst einfordert!

 

Apropos Sprache: Es waren ca. 12.000 Wörter zu lernen – und als Sicherheit hatten wir wieder unsere treue Seele, Eure Klassenlehrerin Fr. Halfpap als Souffleuse, an der Seite. Das Beste: Sie hatte nichts zu tun! Nicht einen Texthänger, der Ihrer Aktivität bedurft hätte!!! Großartig!!!

Am Abend der Aufführung, als die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt war, stieg die Anspannung! Aufgrund der Kälte hatten wir die Kirchentüren früher als geplant geöffnet – an Anspielen war nicht mehr zu denken!– Ich, leicht zweifelnd, ihr: „Fr. Berger – das schaffen wir – kein Problem!“


Und wie ihr das geschafft habt:
Anton ging jetzt auch wie eine Maria – versteckt in traumhaft schönen Kostümen von unserer Reni – wir mussten kreativ sein: Maria Stuart – gespielt von 2 Männern!
Anton und David, ihr habt alles gegeben! Ja, wir hatten Spaß, völlig unverhofft in dem schweren Stoff: Oisin umschwärmte nun
einen Maria: „Diese Blicke!“ – und verstieg sich in Fantastereien… Das war Spitzenklasse!
Doch zum Träumen bleib keine Zeit, die Untergrundtruppe um Melissa, Cara, Franziska und Tabea machte Tempo: in stets präzise gesetzten Lichteffekten oben von der Empore (Fiete und Thies sei DANK!) riefen sie zum Umsturz auf! Da erschreckte sich so mancher Zuschauer: Revolution in der Kirche.
Das ließ eine völlig kalt: Elisabeth I – Pia, dein Einmarsch in Gold war königlich – wie ein Gemälde hast Du vorne gethront (auch wenn´s drunter nur ein Holzstuhl war).
Begleitet von den Palastwachen Tom und Joshua, Derya und Hannes konnte der Zuschauer immer erkennen, wo die Handlung gerade stoppte. Die Texte hatte Hannes völlig neu verfasst – und stand nun mit seinen Wachen dem Zuschauer immer wieder in voller Rüstung informativ zur Seite!


Und dass man mit einem Reifrock unter diesem königlichen Kostüm einen so stürmischen Schritt auf die Podeste legen konnte, bewies Marieke, die den 2. Teil der königlichen Megarolle ausfüllte! In der Pause wurde im fliegenden Wechsel getauscht – 3 Leute brauchte es, um eine Queen aus den Kleidern – und die andere wieder hinein zu befördern! Und nicht nur das… mit großem Kostüm spielte die Queen einmal Klavier (Pia) – und dann die andere Queen Geige, die Air von Bach (Marieke) – tolle, bewegende Einrücke…., die schnell wieder von der Dramatik des Einzelnen, von den Verstrickungen des Lebens abgelöst wurden: Der arme Palastangestellte (Jannes), erst kurze Zeit im Dienst, hatte plötzlich das unterschriebene Todesurteil in der Hand – untergejubelt von der Machthaberin selbst – und nun stand, nein! – strauchelte er von a nach b – herrlich!
Marvin, die Palastwache, war stets auf Ordnung bedacht – und fuchtelte mit schwerem Gerät vor den Eingeschlossenen herum! Flucht? Die gab es nicht!

Freiheit? Pflicht! – Dies hatte die Psychologin (Charly) der Queen ja schon mehrfach auseinanderdividiert – ist halt manchmal schwer einzusehen – auch für Staatsoberhäupter…

Für die Einhaltung von Urteil und Umsetzung sorgte mit unbarmherziger Strenge Lord Burleigh – Jonathan, gigantisch, wie du in alter Richterrobe hier die brutale Unausweichbarkeit des Ungerechtigkeit in Szene gesetzt hast! Menschenrechtsverletzungen unter dem Deckmantel der Gesetze -

Und Maria, die Titelfigur?? Mittlerweile von David in Szene gesetzt, hatte sie sich im Wortgefecht um Kopf und Kragen geredet – der Groll von 18 Jahren ungerechtfertigter Gefängnishaft brach aus ihr heraus - aktueller geht ein Stück nicht!
Spontaner Szenenapplaus – Und es ging weiter, mit Queen: Christian Bechmann, der Kantor, hatte auf der Empore schon in die Orgeltasten gegriffen: Cara sang den zweiten großen Szenenapplaus heraus: als alter Ego von Maria! Show must go on! Mehr Emotion geht nicht!

 

Doch war so furios aussah, ließ sicher schon so manchem Zuschauer das Blut in den Adern gefrieren: die alte Amme, eindrucksvoll von Mia verkörpert, schreit ihre Verzweiflung über das nun Unausweichliche heraus: Maria hat mit ihrem Wutanfall ihr irdisches Schicksal besiegelt…
Dem Geistlichen, Nicolas, blieb nun die Rolle des Beichtvaters… (Nach 1 ½Stunden Warten auf den Auftritt: „Jetzt freu´ ich mich richtig ´drauf, einzusteigen!“ Sprach´s, streifte sich die Priestergewänder über und ging die Treppe nach unten zum großen Finale….

Alles Menschliche, Vergängliche, Materiell-Gebundene galt es nun hinter sich zu lassen – sich dem Unendlichen, dem Geistigen bewusst zu öffnen… Diese Rolle war für Schiller ein Schlüsselmoment – die gefühlt endlose Beichte, ganz am Ende eines 2 Stunden-Stückes – wurde mit höchster Konzentration und Präzision ausgefüllt: Ein Glanzstück – letztlich durch die enorme Textsicherheit und Spielintensität aller Beteiligten. David Sass brachte Maria dann „zu Ende“ – und schritt in absoluter Stille aus dem Kirchenraum…

Eine Inszenierung, die wir viel diskutiert haben – die uns allen aber letztlich wichtig war…

Stille – innehalten vor der menschlichen Größe – In–Sich-Gehen, in sich gehen…

 

Kraftvoller, beeindruckender und berührender ist ein meinen Augen nicht mehr möglich – es ging unter die Haut – ihr hab´t nicht nur verstanden – ihr habt Euer Gefühl hineingelegt – das durfte jeder Zuschauer am Abend miterleben…

 

Ist das Mäßigung, Clemens, ist das Unterwerfung?
Nein – das war furios! Riesig! Monumental!

Chapeau, Ihr Lieben! Es war ein großartiger Abend!

Voller Respekt sende ich euch allen

herzliche Grüße vom Regiepult

Dr. Gabriele Berger



Hören Sie hier einen Beitrag vom Syltfunk https://www.syltfunk.de/single-post/2018/02/02/Gymnasiasten-spielen-Maria-Stuart.

Sehen Sie hier die Bilder von der Generalprobe am 8. März 2018.

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