Zugrundegelegte Originale:

Ursula Krechel, "Umsturz" (1977)
J.W. von Goethe, "Prometheus"(1772/74)

 

Umsturz


Von heut an ess ich meine Pommes
nicht mehr ordentlich mit der Gabel
häng die Jacke nach der Schule
nicht mehr an den Haken.
fress nichts Gesundes. Hier, der sonnige Weg
in die Ferne, konzentrier mich kaum auf ihn.
ich hust nur noch mit Vollmantelgeschoss
Hab keinen Bock
meine Tinte in ei‘m Schulheft zu verwässern.
Ich hock nur noch im Netz, stelle
mich auf Offline, damit ihr glauben könnt
ich bin auch mal draußen. Die Schulbank
stellt man auf eBay
Abteilung Jugend von gestern.
- Art

Abschluss


Von heut an leg ich mein neues Handy
Nicht mehr beiseite für gute Zensuren
Heb den Finger zur Antwort
Nicht mehr in die Höhe
Ess kein Schulfraß. Hier die Fußspuren im Flur
Von gestern, vergesst sie
Ich schlaf nicht mehr mit Augen auf
Setz die rosarote Brille ab
Will keine Noten mehr mit Schleimerei verbessern
Ich hock nicht mehr in der Klasse, den Stress die Hausaufgaben
In der Pause zu machen, damit ihr glaubt ich hätte mich damit befasst.
Die leere Sitzbank stellt man in den Schulsammlungslagerungsraum
Abteilung Schüler fertig.
-Emily

 

Absturz

Von heut an werd ich öfter schneller fallen
ich werd ordentlich vom Fuße rutschen
krieg den Kopf beim Stürzen
genau an den Haken
fall immer wieder. Hier die Umrisse im Schnee
von gestern, vergesst sie
ich schrei nicht mehr mit Schalldämpfer
hab keinen Bock
meinen Sturz mit Peinlichkeiten zu erleben
ich hock nicht mehr zu Haus, versteck
die blauen Flecken, damit ihr glauben könnt
es mache mir nichts aus. Die unversehrte Haut
zeigt man im historischen Museum
Abteilung Mensch geschickt.
- Svea

 

Umsturz meines Lebens

Von heut an geh ich nicht mehr zur Schule
und mach auch keine Hausaufgaben mehr
entspann nur noch zu Hause
mit ´nem Film von Netflix
fress mich voll mit Chips. Hier die Krümel überall
von den Chips, vergesst sie
ich geh nicht mehr täglich zum Sport
hab keinen Bock
meine Bikinifigur aufrechtzuerhalten
ich brauch noch mehr Freizeit, versteck
mich auch jetzt nicht, denn ihr könnt nun glauben
was immer ihr auch wollt. Nun das Ideal
stellen wir jetzt in vergangene Zeit
zur Abteilung Frau perfekt.

 

Sommerträume


Von jetzt an steck‘ ich meinen Sonnenschirm
nicht in den weichen Sand neben das Handtuch
lass‘ mich sonnen. Hier die Fußspuren der Möwen
im Sande, ich seh‘ sie
ich bad‘ nicht mehr mit Schwimmanzug
hab‘ große Lust,
meine Haut mit dem Wasser zu vereinen
ich sitz‘ nicht mehr im Haus, versteck‘
mich nicht mehr dort, ich hoff‘ man glaubt mir
ich leb‘ ein schönes Leben. Ich bin gefesselt
von der Schönheit der Natur
aber nur in meinem Kopf.
- Martyna

 

Fendt

Lass den Motor klingen, Fendt,
Ratter über Felder!
Und spritze, Acker egal,
Die Schädlinge fort,
Um ernten dies und jene Gut!
Musst den Mutterboden
Doch erhalten mir,
Und mein´ Weizen,
Noch nicht gereift,
Und meine Nährstoffe,
Bei deren Pflege
Du mir hilfst.

Ich kenne nichts Stärkeres
Unter der Sonn`, als euch Varios!
Ihr nähret göttlich
Von Arbeitswut
Und vielen Hektern
Eine Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Bauern und Vieh
Jeden Tag mit auf dem Feld.

Schon als Sprössling,
Nicht wissend, was gut, was schlecht,
Kehrt´ ich mein verwirrtes Auge
Zum Felde, als wenn vor mir wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich desBedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider dem Ernte-Verlust?
Wer rette vor Dürre mich,
Vor Hagel?
Hast du´s nicht alles selbst
vollendet,
Heilig heißen Motors?
Und glühtest jung und gut,
Der Fachkraft da droben?

Ich dich verschmäh‘n? Weshalb?
Hast die Arbeit verwehrt
Je des Kunden?
Hast verurteilt
Je den Lehrling?
Hast mich zum Manne geschmiedet
Die gerackerten Stunden
Und die Arbeit bis in die Nacht,
Meine Herren und eure?

Wähnte ich etwa,
Ich solle das Leben lassen,
In Wälder flüchten,
Weil nicht alle Fendt-Trecker
ewig halten?

Hier fahren wir, bearbeiten Äcker
Nach dm Auftrag,
Ein Getreide, das mir gleich sei,
zu grubbern, pflügen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein gut behandeln,
Wie ich!
-Julia

 

Prometheus


Bedecke dein Amerika, Mr. Trump                 
Mit Geistesdunst!                                             
Und übe, Idioten gleich,                                      
Der sich selbst köpft,                                                     
An Verträgen dich und Dekreten!                         
Musst mir meine Meinung                                  
Doch lassen steh’n,                                          
Und mein Land,                                                   
Das du nicht gebaut,                                        
Und mein Haar,                                                        
Um dessen Pracht                                                
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres                                     
Unter der Sonn‘ als euch Despoten!                             
Ihr nähret kümmerlich                                               
Von Steuern                                                                
Und Hoffnungshauch                                        
Eure Majestät                                                             
Und darbtet, wären                                                 
Nicht wir Menschen                                
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Idealist war,                                         
Dachte ihr wüsstet, wo aus, wo ein,                                 
Kehrt‘ ich meine verirrte Seele                                 
Zum Podium, als wenn drüber wär                           
 Ein Ohr zu hören meine Klage,                                    
Ein Herz wie meins,                                                    
Sich der Beschränkten zu erbarmen.

Wer hilft mir                                                                
Wider der Idioten Übermut?                                       
Wer rettet vor der Dummheit mich,                         
Vor Sanktionen?                                                       
Muss ich’s nicht selbst                                        
Vollenden,                                                        
Heilig glühend Herz?                                                      
Und glühend, jung und gut,                                                          
Belogen, Rettungsdank                                               
Den Wahnsinnigen am Drücker?
Ich dich ehern? Wofür?                                                
Hast du die Schmerzen gelindert                                    
Je des Beladenen?     
                                                  
Hast du die Tränen gestillt
Je des Geängstigten?                                          
Hat nicht mich zum Demokraten geschmiedet
Die allmächtige Logik                                                       
Und das ewige Denken,                                             
Meine Herren, nicht deine?
Wähntest du etwa,                                                            
Ich solle das Leben hassen,                                         
Nach Kanada fliehen,                                        
Weil nicht aller Wahlberechtigten-                       
Stimmen reichten?

Hier sitz‘ ich, forme Zeilen                                           
In meiner Arbeit,                                                         
Such‘ ein Geschlecht, das mir gleich sei,           
Zu parodieren, protestieren,                             
 Verspotten und zu freuen sich                                    
Und dein nicht zu achten,                                    
Wie ich!
- Anna (frei nach J.W. von Goethe)
                                                

     

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