Eine Auswahl der prämierten Geschichten ist hier zu lesen. Der Verein der Freunde und Ehemaligen des Gymnasiums Sylt e.V. und die Sylter Rundschau initiierten einen Schreibwettbewerb zum Thema "Die Insel".

Sehr viele Jugendliche haben sich daran beteiligt und wurden dabei von ihren Deutschlehrerinnen und -lehrern unterstützt. Die Preisträger wurden während der Weihnachtsfeier am 10.12.10 geehrt. Einige Schülerinnen und Schüler lasen ihre Geschichten vor, die  mit Preisen wie I-Pods und Büchergutscheinen ausgezeichnet wurden.

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Herzlichen Glückwunsch an Nicolas Schrader, Marie Hornbogen, Caroline Oehlschlägel, Isabell Grandt-Ionita, Mattes Melius, Lea Graeser, Jana Tietze, Johanna Kirschke, Pascal Kleinert!

 

Eine Auswahl der Geschichten:

Die Insel

(von Gesa Carstens, Klasse 8f)

Die Sonne stand schon tief als ich ankam. Ein leichter Wind ließ die Blätter der Bäume rings um den See rascheln. Mich überfiel das Gefühl zu Hause zu sein. Endlich. Als ob die Welt wieder normal wäre. Als wäre alles wieder gut. Doch das war es nicht und wird es auch nie wieder werden. Nie. Nun stand ich da. Klammerte mich an dieses wohlige Gefühl. Wollte es nicht mehr los lassen. Ich bekam eine leichte Gänsehaut. Dabei war mir gar nicht kalt, im Gegenteil. Für diese Jahreszeit war es schon sehr warm, der Sommer war nicht mehr weit. Das Schilf wogte im sachten Wind. Der alte Steg war kaum zu sehen. Ich stieg hinunter ans Ufer und betrat vorsichtig das alte Holz. Der Steg würde nicht mehr lange halten. Die Balken knackten bedrohlich. Das kleine Boot sah genauso aus wie früher, als die Welt noch gut war. Die Farbe blätterte schon ab und man konnte das schöne Blau, das damals seine Wände ziehrte, nur noch erahnen. Vorsichtig stieg ich ein und löste das Tau mit dem es am Steg befestigt war. Mit einem Ruder, das unter der Bank gelegen hatte, brachte ich das Boot in Bewegung. Der See lag ganz ruhig da. In ihm konnte ich mein Spiegelbild sehen. Ich sah nach vorne und erblickte die Insel. Ein Strom von Erinnerungen kam in mir hoch. Ich hörte Lachen. Das Lachen eines glücklichen Kindes und seiner Mutter. Damals. Das Leben war so einfach gewesen. Doch jetzt war alles vorbei. Es wird auch nie mehr so werden, dachte ich traurig. Ich schloss die Augen. Und da kamen sie . Ich hatte geglaubt keine Tränen mehr zu haben. Alle schon vergossen. Doch da hatte ich mich getäuscht. Leise liefen sie mir über die Wangen. Ich öffnete meine Augen. Ich hatte die Insel schon fast erreicht. Es war keine große Insel. Auf ihr standen nur ein paar Bäume und am Ufer konnte ich die Reste eines Steges sehen. Langsam und geräuschlos fuhr ich in das Schilf hinein und macht das Boot fest. Mit wackligen Beinen stieg ich aus. Das Gras war hier saftig und grün und in den Bäumen hörte ich aufgeregtes Vogelgezwitscher. Die Insel war mir so vertraut. Wie oft hatte ich schon am Ufer gesessen und auf den See hinaus geschaut. Ich ging ein paar Schritte vor doch dann blieb ich wie angewurzelt stehen. Da saß jemand.Es war ein junger Mann. Er hatte sein Boot an einen Baum nahe des Ufers befestigt und saß mit dem Rücken zu mir auf einem Baumstamm. Wer konnte das sein? Sonst kam doch niemand auf die Insel. Ich ging einen Schritt zurück und trat auf einen Ast. Das Knacken machte ihn auf mich aufmerksam. Er drehte sich um. Hallo, sagte er. Mich durchfuhr ein gewalltiger Schrecken. Diese Augen. Konnte es sein…?Nein! Das war unmöglich. Ich setzte ein freundliches Lächeln auf und kam auf ihn zu. Guten Tag, sagte ich. Genießen sie auch diesen wundervollen Tag?, fragte ich ihn. O ja. Hier auf die Insel komme ich immer um nachzudenken. Ich finde man kann nirgends so gut seinen Gedanken nachgehen wie hier. Das konnte ich sehr gut nachvollziehen. Daher sagte ich, mir gehe es genauso. Ich komme oft hier her, habe sie aber noch nie gesehen. Ich wohne auch erst seit kurzem hier in der Nähe, erwiderte er. Wollen sie sich nicht zu mir setzen? Langsam kam ich näher und setzte mich zu ihm auf den Baumstamm. Sie wirken traurig. Kann ich ihnen helfen?, fragte er. Er war sehr nett und sein Interesse an meinen Sorgen schien ehrlich gemeint zu sein.Ich würde sehr gerne ihre Hilfe annehmen, doch in meinem Falle gibt es nichts zu helfen. Vielleicht erzählen sie mir einfach was sie

bedrückt, das kann auch schon helfen. Sollte ich ihm alles erzählen? Einem Fremden? Naja, also früher, da… und schon begann ich zu erzählen. Ich hatte einen Sohn. Er hieß Tim. Mein Mann hatte uns verlassen als Tim noch ein Baby war. Ich weiß nicht was aus ihm geworden ist. Jedenfalls hatte ich von da an nur noch Probleme. Mit meinem Halbtagsjob konnte ich nicht genug Geld verdienen, um für Tim und mich zu sorgen. Doch wir haben uns schon irgendwie durchgeschlagen. Wir hatten trotz der schweren Zeiten eine Menge Spass gemeinsam. Ich schluckte. Es viel mir schwer an Tim zu denken. Was ist dann passiert?, fragte der Mann vorsichtig. Wir sind immer hierher gekommen, auf die Insel. Tim hat sich immer gefreut, wenn wir hier waren. Hier hatten wir unsere schönsten Erlebnisse. Einmal hat Tim mit seinem Kescher einen Fisch gefangen. Ich musste lächeln, als ich daran dachte, wie er sich vor dem glitschigen Ding geekelt hatte. Doch dann eines Tages reichte das Geld nicht mehr aus. Unser Kühlschrank war leer, die Heizung lief nicht mehr und der Strom wurde abgeschaltet. An unser Haustür klingelte es und drei Männer standen draussen. Sie sagten sie seien vom Jugendamt. Sie erklärten mir,dass ich Tim nicht behalten könne, da ich keine Möglichkeit hätte,mich ordentlich zu kümmern und das so ein Leben Tim nur schaden würde. Ich erklärte ihnen, dass ich das schon hinkriegen würde, doch sie ließen nicht mit sich reden. Sie ließen Tim seine wenigen Sachen packen und nahmen … ihn… mit… Ich schluchzte. Er kam zwei Jahre in ein Heim und wurde dann von einer Familie aufgenommen… Ich habe ihn nie wieder gesehen. Nie wieder… Mir kamen die Tränen. Ich habe keine Ahnung was aus ihm geworden ist. Ich weiß nicht wo er wohnt, ich weiß noch nicht mal in welche Familie er gekommen ist. Ich habe jahrelang versucht ihn zu finden, doch ich habe es nicht geschafft… Ich vermisse ihn so sehr… Ich schluchzte erneut. Der Mann neben mir war die ganze Zeit sehr still, doch jetzt begann er zu sprechen. Das ist eine sehr traurige Geschichte, aber vielleicht kann ich ihnen ja doch helfen. Wie denn?, fragte ich. Ich habe schon alles versucht. Außerdem kennt er mich wahrscheinlich nicht mehr. Geben sie nicht auf, sagte er und blickte mir in die Augen. Wie ist ihr Name? Jasmin Sonnenthal, antwortete ich. Wenn das so ist, dann kann ich ihnen auf jeden Fall helfen. Mein Name ist Tim Sonnenthal.

 

Von peitschenden Wellen und einer funkelnden Perle

(von Johanna Kirschke, Klasse 13s)


Als ich klein war, hatte ich immer wieder den gleichen Albtraum. Ich träumte davon, im Sturm auf einer winzigen Felseninsel zu kauern, umgeben von haushohen Wellenbergen, die drohten, die Insel samt mir darauf zu verschlingen.
Noch Jahre später erinnerte ich mich an meine Angst, die Verzweiflung, die Machtlosigkeit gegen das Tosen und Brüllen der See und an mein nass geweintes Kissen, mit dem auf das Gesicht gepresst ich schließlich aufwachte.
Und ich erinnerte mich daran, allein zu sein, niemanden zu haben, der mir meine Angst nahm und die schlechten Träume verjagte.

* * *

Ich spüre seine Faust im Kreuz und schlage mir die Knie auf, als ich zu Boden stürze. Benommen hebe ich den Kopf, blickte direkt in seine verächtliche Fratze, die hässlich verzerrt über mir schwebt. „Dreckiger Polenbastard“, zischt Philipp und spuckt mir mitten ins Gesicht. Ich versuche mich aufzurappeln, aber mit einem Stoß liege ich sofort wieder im Dreck. Verzweifelt schließe die Augen und ducke mich weg, erwarte machtlos den nächsten Schmerz, die nächste Demütigung.
„Was ist da los?“, ruft eine erwachsene Stimme. Ich blinzele; ein Lehrer auf dem Weg zum Parkplatz muss uns gesehen haben.
Widerwillig löst sich Philipps Gesicht aus seiner komischen Position und er wendet sich ab. „Kommt“, murmelt er seinen Kumpels zu, die bis jetzt feixend um uns herumgestanden haben, und verschwindet mit ihnen im Schlepptau, ohne dass der blöde Lehrer sie aufgehalten hätte.
Sofort schießen mir Tränen in die Augen, Tränen des Schmerzes, Tränen der Wut und der Erleichterung, dass nichts schlimmeres passiert ist, diesmal nicht. Sie vermischen sich mit Philipps Spucke und lassen die Welt vor meinen Augen verschwimmen. Wie Recht mir das ist, und wie zuwider im gleichen Atemzug. Mit dem Ärmel wische ich mir das Gesicht sauber, merke, dass ich noch immer auf dem Boden sitze und der Lehrer misstrauisch herüber guckt, stehe schnell auf, bevor er herkommt, jetzt wo er mir eh nicht mehr helfen kann.
Tränenblind laufe ich die Straße hinunter, weiß nicht wo ich hin laufe, Hauptsache weg von allem, von jedem. Hass erfüllt mich, Hass auf Philipp und seine Gruppe von Schlägertypen, Hass auf den Lehrer, dem es die Mühe nicht wert ist, sich für mich einzusetzen, Hass auf alle Deutschen, Hass auf mich selbst, ich laufe weiter, endlos weit. Als ich schließlich auf etwas Massiges, Festes aber doch Weiches pralle, falle ich zum zweiten Mal an diesem Tag hin.

„Na Junge, hast du's ganz schön eilig, was?“, brummt eine männliche Stimme. Mit einem Ruck zieht mich jemand wieder auf die Beine. Vor lauter Schreck habe ich aufgehört zu heulen. „Tut mir Leid“, murmele ich etwas schwindelig und will mich schon abwenden. Da erkenne ich überrascht, dass ich nicht etwa in einen Mann, sondern eine sehr große, sehr robuste alte Dame hinein gerannt bin. Sie hat ein faltiges Gesicht, Glubschaugen wie eine Kröte, trägt einen muffigen Pelzmantel und unter dem grell blumigen Rock Nylonstrumpfhosen, die sich über ihren riesigen Waden spannen.
Irgendwie ist sie wunderschön.
„Entschuldigung“, sage ich erneut mit veränderter Stimme. „Wirst du aufhören, dich zu entschuldigen, es ist ja nichts passiert.“ Sie glättet ihren Rock und streicht sich eine Strähne aus dem Gesicht, die sich aus ihrem festen Haarknoten gelöst hat. Fasziniert folge ich der Bewegung ihrer Hand. An ihrem Mittelfinger steckt ein riesiger Ring. Ich hätte ihn vielleicht schrullig gefunden, wäre darin nicht eine in den unmöglichsten Farben schillernde Perle eingelassen.
„Ihr Ring ist wunderschön“, staune ich geradeheraus. Sie blinzelt misstrauisch und schaut auf ihre Hand, als sähe sie ihn dort zum ersten Mal. „Karibik“, sagt sie schließlich. „So weit weg“, ich bin ehrfurchtsvoll. „Wie ist es dort?“ „Ich weiß nicht“, sagt sie, „jemand hat ihn mir mitgebracht.“ Sie greift nach ihren Taschen am Boden.
„Warten Sie, ich helfe Ihnen“, schnell hebe ich eine mit Einkäufen gefüllte Tüte hoch, möchte mich von dieser Frau, die mit ihrer dunklen Stimme, der hünenhaften Gestalt und dem Perlenring eine so eigenartige Faszination auf mich ausübt, noch nicht verabschieden. Sie nickt gleichmütig mit unbewegtem Gesichtsausdruck und wendet sich über die Straße zu einem Haus mit beigem, bröckelndem Putz.
Ich gehe ihr nach bis zur Tür und lese das Klingelschild, S. Lorek. Nach kurzem Zögern, weil sie ohne ein Wort weitergeht, folge ich ihr nach drinnen. Es riecht nach Suppe. Wir tragen die Einkäufe in die Küche, die gleich links vom Eingang liegt. Ich stelle die Tüte neben der Spüle ab und trete einen Schritt zurück.
„Hattest du es nicht eben noch so eilig?“, fragt sie. „Nicht eilig“, antworte ich, verunsichert. Ich überlege, ob sie mich damit aus ihrem Haus zu komplementieren versucht. Da stellt sie schon zwei Teetassen auf den Tisch.
„Naja, schon ein bisschen eilig“, gestehe ich und setze mich ungefragt. „Ich bin wegen der Jungs in der Schule gerannt. Die schimpfen mich Polenbastard und schikanieren  mich, wo sie nur können. Bloß weil sie zu vielen sind und ich allein, fühlen sie sich stark. Dabei bin ich nicht mal Pole, wissen Sie. Meine Mutter ist Polin, aber ich bin hier geboren und nie in ihrer Heimat gewesen. Trotzdem bekomme ich dauernd Schwierigkeiten deswegen.“ „Hm“, macht sie. Sie sieht mich an, aber etwas ihrem Blick lässt mich daran zweifeln, ob sie mich wirklich wahrnimmt. „Gibt immer welche, die einem das Leben schwer machen“, sagt sie unbestimmt und nimmt mir die Notwendigkeit, mich weiter zu erklären.

Ich gehe wieder zu Frau Lorek. Am nächsten Tag und am übernächsten und an allen Tagen darauf. Sie duldet es stillschweigend und fragt nicht. Ich hätte es ihr auch nicht erklären können, weiß selbst nicht, warum es mich immer wieder dorthin zieht, in das Haus, das nach Suppe riecht, zu der Frau, die einen Perlenring trägt. Generell redet sie nicht viel und will nichts darüber wissen, woher ich komme und wer ich bin, kümmert sich auch nicht, dass ich in der Schule gehänselt werde, dass ich für meine 15 Jahre schmächtig aussehe oder dass ich lispele, wenn ich aufgeregt bin. Vielmehr geht sie ihren gewohnten Beschäftigungen nach und akzeptiert mich so selbstverständlich, als wäre ich schon immer da gewesen.
Sie öffnet mir, wenn ich klingele, nickt, dreht sich um und geht in die Küche. Dort kocht sie Suppe, jeden Tag eine andere, und deckt zwei tiefe Teller, zwei Gläser und zwei Löffel, dazu eine Wasserkaraffe. Später spült sie das dreckige Geschirr, ich trockne ab und stelle die Sachen wieder in die Schränke.
Nachmittags kuscheln wir uns mit Decken und heißem Tee ins Wohnzimmer, sie auf das eine Sofa, ich auf das andere, und hören auf alten Kassetten seltsame Märchen und Abenteuergeschichten mit Schätzen und Seeräubern. Manchmal sitzen wir stundenlang stumm an einem riesigen Puzzle mit zehntausend Teilen und haben am Ende doch jeder bloß zwei Teile angelegt.
Die Zeit, die ich bei Frau Lorek verbringe, wird, obwohl doch nur durch Kassetten, Puzzles und eine alte Dame ausgefüllt, zu den schönsten Stunden meiner Tage und Wochen. Wie eine Insel schenkt sie mir festen Boden unter den Füßen und lässt sich von den Stürmen meines Lebens nichts anhaben.

Am ersten Tag im Dezember holt Frau Lorek nach dem Essen Schachteln voller Weihnachtsschmuck und Plätzchenförmchen hervor. Gemeinsam backen wir dosenweise Weihnachtskekse und Frau Lorek sieht mir dabei zu, wie ich Lametta in ihrem Wohnzimmer verteile. Als es dunkel wird, zünden wir Kerzen an und hören einem Weihnachtskonzert im Radio zu.
Nur widerwillig stehe ich an diesem Abend auf, um nach Hause zu gehen, schlüpfe in meine Jacke und durchquere das Zimmer. Frau Lorek begleitet mich nie mit nach draußen. Ich drücke die Klinke der Wohnzimmertür herunter, doch dann drehe ich mich noch einmal um. Mein Herz klopft ein wenig höher.
„Ich hab dich lieb, Frau Lorek“, sage ich leise.
Sie schaut von ihrer Strickarbeit auf, ein kaum lesbarer Ausdruck auf ihrem Gesicht, der vielleicht Erstaunen noch am nächsten kommt.
Und dann lächelt sie. Alle Falten ihres alten Gesichts verziehen sich, ihre erschöpften Mundwinkel biegen sich nach oben und ihre gelben Zähne schieben sich über die Unterlippe. Ich muss an die furchtbare Grimasse einer Götzenfigur denken, die mein Onkel bei sich zu Hause stehen hat. Als Kind hatte ich horrende Angst davor. Und doch habe ich nie ein schöneres Lächeln gesehen. Denn ihre Glubschaugen blitzen wie Sterne und lachen mit dem ganzen Gesicht.

Es ist einen Tag später, die Luft frostig kalt, als Frau Lorek mir die Tür nicht öffnet. Ich klingele und warte und klingele erneut, aber nichts rührt sich.
Enttäuscht lasse ich mich auf die kalte Steinstufe vor dem gläsernen Windfang sinken und stütze den Kopf in die Hände. Ich will nicht nach Hause gehen, meiner Mutter nicht erklären müssen, warum ich an einem Adventswochenende weggegangen bin, ohne irgendetwas zu sagen, und nicht, dass ich ohnehin gar keine Lust habe, mit ihr Weihnachtsschmuck zu basteln, überhaupt Zeit mit ihr zu verbringen.
Stattdessen verharre ich auf dem kalten Stein und warte auf Frau Lorek. Ich warte so lange, bis es dunkel wird und die Nachbarin den Kopf aus der Tür streckt und fragt, warum ich hier sitze, stehe nicht auf, als sie schließlich herüberkommt, selbst klingelt und besorgt durch das Fenster ins hell erleuchtete Wohnzimmer späht und auch nicht, als sie schließlich zurück ins Haus geht, um die Feuerwehr zu rufen.

* * *

Den Tod empfindet jeder anders. Ich aber empfinde überhaupt nichts. Nichts außer einer dumpfen Leere, die doch allumfassend mein Fühlen und Denken betäubt, die alles Leben um mich und in mir unter einem dunklen Schleier verschwinden lässt.
Ich stehe allein inmitten einer kleinen Schar Trauergäste und beobachtet gelähmt, wie sie den Sarg in die Grube aus kalter Erde hinunterlassen. Beobachte, wie meine Insel untergeht.

 

Die Papainsel

(von Isabell Grandt-Ionita, Klasse 8f)

Mein kleiner Bruder lief die Treppe runter. Stolperte, denn er hatte wieder Papas große Puschen an. Er ging weiter in die Küche. Er schnappte sich seine Käpt’n Crunch Müslipackung und setzte sich an den Tisch. Gut gelaunt wie immer. Und wie immer wusste ich, wovon er gleich erzählen würde. Mama wusste es auch. Er tat es schließlich immer. Am Frühstückstisch von der Papainsel erzählen. Mama schmierte die Schulbrote. Ich aß verbissen mein Toast. Wir mochten es nicht, wenn er von der Insel erzählt. „Diesmal haben … wir … mit den Einwohnern… Volleyball …“, beim Erzählen stopfte er sich Müsli in den Mund. Die Krümel flogen über den Tisch. Er bemerkte es aber nicht, nebenbei las er die Comics auf der Rückseite der Käpt’n Crunch Müslipackung. „Dabei hab ich … mir einen Sonnenbrand … geholt.“ „Such dir aus ob du sprichst oder isst, Idiot!“ Er ignorierte meine Drohung. So ein naiver Dummkopf. Aber er war doch noch so klein. „Streitet nicht.“ Mama hasste es, wenn ich und mein Bruder uns angifteten. Wir taten es oft. Eigentlich immer beim Frühstück. „Tun wir nicht. Also, so ein Sonnenbrand tut ganz schön weh! Papa hat ihn mir mit Kokosnussmilch eingeschmiert, damit es nicht so brennt. Hat geholfen.“ Wie dumm er ist, mein Bruder. Aber er war doch noch so klein. Er konnte nicht ahnen, dass Papa nicht aus dem Krieg zurück kommen würde. Seit er als Soldat nach Afrika geschickt wurde, hatte Mama oft geweint. Denn es kam nie wieder ein Lebenszeichen von ihm. Seit vier Jahren schon nicht. Nie kam eins. Nie. Aber wie sollte mein Bruder es denn auch verstehen. Er war doch noch viel zu klein. So fürchterlich klein und naiv. Er konnte es nicht verstehen. „Und die Einwohner haben also Volleyball mit euch gespielt, ja ? Ich hoffe diese schwarzen Bastarde haben verloren!“ „Mann, du bist so fies! Die sind total nett und lustig!“ „Streitet nicht.“ Mama hasste es. Es erinnerte sie an Streit mit Papa. Aber sie würde wahrscheinlich nie wieder mit ihm streiten können. Nie wieder. „Und sie sind doch nett…“ Wie stur er doch war. „Und die Tiere auch. Die können da nämlich sprechen! Also die meisten. Der Kuckuck stottert ein wenig.“ „Zu oft gegen den Baum gehämmert oder wie?“ „Hm, ja, ich glaube daran könnte es liegen.“ Er ignorierte meine Provokationen. Dafür bewunderte ich ihn. Mein Bruder war ein kleiner Träumer, kein Schläger, wie die anderen Jungs. So naiv, er träumte sein Leben vor sich hin. Wollte kein Soldat werden, wie die anderen. Doch er war ja noch so klein…Diese Träume haben ja auch etwas Schönes. Nur dass sie nicht wahr sind. Dass sie es nicht sein konnten. Papa war doch weg. „Und dann, als ich langsam wieder nach Hause musste, hat Papa mich über die Brücke nach Hause gefahren. Mit unserem rotem Trabbi. Von der Brücke aus kann man die ganze Insel sehen. Den Dschungel unter sich, dann kommt die Stadt und dann fährst du über das Meer zum Festland“, wenn er von seinen Abenteuern mit Papa erzählte, hatte er immer dieses Leuchten in den Augen. „Und irgendwann wohne ich da auch, wie Papa! Und erlebe da genau so viele Abenteuer  wie Käpt’n Crunch.“ Manchmal träumte auch ich von dieser Insel. Der Papainsel, wie mein Bruder sie immer nannte. Ich denke, Mama tat es auch. Sie saß manchmal im Wohnzimmer vorm Fernseher und weinte. Wenn sie die Nachrichten über den Krieg guckte. Sie war so traurig. Sie hatte dann immer das Hochzeitsfoto in der Hand. Kleine Tropfen fielen dann darauf. Und dann kam mein kleiner Bruder. Und er sagte: „Mama, warum weinst du? Papa ist doch da! Auf der Papainsel! Ich besuche ihn nachts doch immer!“ Auch mich tröstete er oft. Und ich dachte mir, wie schön diese Insel doch sein müsste. Wenn es sie nur geben würde. Dann würden auf dem schwarz-weißen Hochzeitsfoto keine kleinen, salzigen Tröpfchen mehr sein. Und Papa würde mit uns Volleyball spielen. Ich würde mir einen Sonnenbrand holen. Aber das machte nichts. Papa würde ihn mir dann mit Kokosmilch einschmieren. Papa wäre da. Er wäre da. Er wäre in Afrika, wäre nicht erschossen. Ich hatte einen dicken Kloß im Hals. Mein Bruder weinte nie. Er konnte träumen. Von der Papainsel. Noch immer vertieft in Käpt’n Crunch Comics, bemerkte er die Müslikrümel. Er fegte sie mit seiner kleinen Hand von der Blumentischdecke. „Solche Blumen gibt es auch auf der Insel!“ Dummkopf! Naiver Träumer! Ich hörte ein Klappern an der Haustür. Mama machte den Schallplattenspieler aus, schaute aus dem Fenster. „Der Postbote. Lisa, schau mal in den Briefkasten.“ „Vielleicht ja ein Brief von Papa!“, rief mein Bruder, und wieder flogen die Krümel. Ich ging hinaus. Wir mussten  gleich zur Schule. Es regnete. In großen Tropfen. Die schmeckten ja vielleicht salzig. Wenn der Himmel weint. Dann weinte Papa dort oben. Er musste dort oben sein. Vier Jahre kein Lebenszeichen. Ich öffnete den Briefkasten. Eine Postkarte. Das Motiv war eine Insel. Gesendet aus Afrika…

 

Das rote Haus

(von Nicolas Schrader, Klasse 5g)

Sie setzte sich auf die Reling der Fähre und sah die Insel langsam aus dem Dunst auftauchen. Sehr klein war sie aber in der Mitte erhob sich ein Berg. Er wirkte bedrohlich kahl und hoch. Oben auf dem Gipfel stand ein kleines, rotes Haus. Aus dem Schornstein quoll Rauch.

Als die Fähre den Hafen erreichte ging sie mit ihrer Mutter ans Land. " Komm
Jule",  rief die Mutter, " ich habe für uns ein kleines Häuschen am Berg gemietet. Du wirst begeistert sein ".
Jule war traurig. Ohne ihren Vater und ihre Freunde sollte sie auf dieser kleinen Insel die Ferien verbringen. Ihre Mutter wollte ihre Ruhe haben und Jules Vater musste arbeiten. Sie nahmen ein Taxi bis zum Ende des Weges. Dort stand ein Bollerwagen für die Koffer. Jule zog den Wagen und weinte. " Warum müssen wir auf dieser blöden Insel sein? Warum haben wir keine Wohnung im Dorf ?", schimpfte sie. " Jule ich muss mich erholen. Dir wird die saubere Luft am Berg sehr gut bekommen", meinte die Mutter. " Ich langweile mich jetzt schon", dachte Jule," was soll ich hier nur die drei Wochen machen. Nicht einmal mein Handy hat hier Empfang. Einen Internetanschluss  hat nur der Dorfpolizist. "
Der Weg wurde immer steiler. Die Räder quietschten. Die Mutter zog den Wagen  mit ihrer ganzen Kraft. Jule schob  von hinten an. Endlich erreichten sie das Haus. Von hier aus hatten sie eine wunderschöne Aussicht auf den Hafen und das Dorf. " Dieses Haus habe ich schon vom Schiff aus gesehen. Rauch quoll aus dem Schornstein", meinte Jule zu ihrer Mutter. " Da muss du dich getäuscht haben. Das Haus steht seit Wochen leer", erwiderte die Mutter.
Sie schlossen die Tür auf und schauten sich um. Das Feuer im Kachelofen knisterte. " Mama, wer hat den Ofen angezündet?", fragte Jule. "Sicherlich der Vermieter", antwortete die Mutter. Sie packten die Koffer aus und bereiteten das Abendessen zu.
Plötzlich hörten sie einen lauten Schrei. Jule stockte der Atem. Die Mutter schloss sofort die Tür ab. " Mama, was war das ?", flüsterte Jule. " Ich weiß es nicht. Aber es klang furchtbar", wisperte die Mutter. Einige Minuten später hörten sie den nächsten Schrei. Es klang wie:" Hiiillfe".
"Jule",  sagte die Mutter sehr bestimmt, " du bleibst hier. Ich gehe und werde nachsehen, ob jemand wirklich Hilfe braucht". " Bitte nicht , Mama ! Ich habe so eine Angst allein hier zu bleiben. Vielleicht ist da draußen ein Verbrecher", schrie Jule ihre Mutter an. " Hiiillfe," hörten sie schon wieder. Dieses Mal aber schon viel leiser. "Jule, dann komm mit. Aber bleibe ein Stück hinter mir. Wenn etwas ist, läufst du sofort zur Hütte zurück und schließt die Tür ab", befahl die Mutter.
Sie öffneten die Tür und traten heraus in die Dunkelheit. Taschenlampen hatten sie nicht dabei. Zum Glück war Vollmond. Nach einigen Minuten gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Hinter dem Haus ging es direkt in den Wald. Alte riesige Bäume standen um sie herum. Obwohl Jule ein Stück zurück bleiben sollte, klammerte sie sich an ihre Mutter. Sie konnte fast nicht atmen vor Angst. Plötzlich ertönte wieder ein Schrei: " Hilfe". Und noch einmal viel leiser:" Hilfe". " Jule es kommt von hier", rief die Mutter.
Und dann standen sie vor einen kleinen Abgrund. Unten lag ein Mensch und wimmerte. " Hallo, wir kommen ja", rief die Mutter. Sie stiegen den Abhang herab und standen neben einer alten Frau, die auf der Erde lag. "Ich bin den Abhang herunter gerutscht und kann nicht mehr aufstehen", jammerte die Alte. " Ich helfe ihnen und bringe sie erst einmal in unser Häuschen. Zusammen schleppten sie die alte Dame den Abhang hoch und durch den Wald.
Als sie das Haus erreichten flüsterte die Alte:" Aber das ist doch, aber das ist doch". Sie setzten die alte Frau in den Sessel und kochten Tee für sie. Nach einiger Zeit ging es ihr schon wieder viel besser. " Das ist mein Haus", sagte die Alte plötzlich.
" Aber ich habe das Haus doch über das Internet gebucht. Außerdem passte auch der Schlüssel, der mir zugeschickt wurde", erwiderte die Mutter sofort. " Das war mein Sohn. Erst steckt er mich ins Heim, dann vermietet er mein Haus", schimpfte die Alte. "Aber weil sie mich im Wald gerettet haben dürfen sie heute Nacht in meinem Haus schlafen ", meinte die alte Frau.
Am nächsten Tag ging Jules Mutter ins Dorf und rief den Vermieter an. Der war sehr glücklich zu hören, dass seine Mutter in ihrem alten Haus war. Die Leute vom Heim suchten sie schon überall. Jules Mutter hatte eine sehr gute Idee. Die alte Dame verbrachte mit ihnen zusammen die Ferien in dem kleinen roten Haus. Sie war eigentlich noch ganz fit nur den langen Weg ins Dorf schaffte sie nicht mehr. Jule, Jules Mutter und die alte Dame unternahmen viele kleine Wanderungen.
Am Ende war Jule traurig die alte Dame wieder zurück ins Heim zubringen. Sie versprachen ihr die nächsten Ferien wieder mit ihr in dem kleinen roten Haus  zu verbringen.

 

 

 

 

 

 

     

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